Urban Hacking – die Straße als Bühne

Es gibt Dinge im Leben, die passen irgendwie nicht so recht ins Bild. Schlendert man zum Beispiel gerade über einen Marktplatz, dann kommt es einem unter Umständen seltsam vor, dass urplötzlich einige Menschen um einen herum stehen bleiben und sich völlig selbstverständlich die Zähne putzen, um eine Minute später wieder ihrer Wege zu gehen, als sei nichts geschehen. Auch eine scheinbar spontane Kissenschlacht zahlreicher Menschen im öffentlichen Raum darf einem schon mal seltsam vorkommen. Wo haben die auf einmal alle ein Kissen her? Was soll das Ganze? Zur Beruhigung: Es hat funktioniert. Nur wenn unbeteiligte Beobachter sich wundern, lächeln, verwirrt sind, ihre Wahrnehmung in Frage stellen und ihr Alltag auch nur ein bisschen aus den Fugen geraten ist, dann kann man von einem erfolgreichen Urban Hacking reden.

Den Alltag hacken

Im Ohrwurm-Musik-Video „Praise You“ von Fat Boy Slim überrascht eine vermeintliche Amateurtanzgruppe einige Kinogänger mit einer spontanen Aufführung. Die Kinobetreiber zeigen kein Verständnis und konfiszieren kurzerhand den CD-Spieler. Ab 2003 wurden ähnliche Aktionen bald Teil des öffentlichen Lebens: Immer häufiger wird man zu Beginn des neuen Jahrtausends vor allen in New York als ahnungsloser Passant Augenzeuge der skurrilsten Live-Performances, wo man sie am wenigsten erwartet. Die Aktionen nennen sich „Urban Hacking“ – es geht darum, sich als Gruppe in den Alltag „einzuhacken“ und die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen.

Opern, wo man sie am wenigsten erwartet

Der wohl weltweit bekannteste Hacker des öffentlichen Raums ist der US-Amerikaner Charly Todd. Bei seinen Aktionen lässt er schon mal dutzende Menschen ohne Hose U-Bahn fahren oder er setzt eineiige Zwillinge, die identisch gekleidet sind, in öffentlichen Verkehrsmitteln einander gegenüber. Seit Kurzem veranstaltet er spontane Musicals auf der Straße. Die völlig überraschten Passanten wissen wohl kaum, wie Ihnen geschieht, wenn sich der Verkäufer vom Schnellrestaurant plötzlich in einen trällernden Tenor verwandelt und der Sicherheitsmann in der zweiten Strophe von hinten links am Notausgang einstimmt.

Der öffentliche Raum als Bühne

Hinter den Urban-Hacking-Aktionen verstecken sich verschiedene Motive: Für die einen ist die einzelne Aktion ein Kunstprojekt, für andere sind die – mehr oder weniger spontanen – Zusammenkünfte einfach eine Spaßaktion, die beim Anblick der verdutzten Gesichter ahnungsloser Fußgänger und Schaulustiger jedes Mal aufs Neue belohnt wird. Aber auch Unternehmen sind auf die Möglichkeit aufmerksam geworden, sich durch außergewöhnliche Aktionen ins Gespräch zu bringen und die Freiheit im öffentlichen Raum zu nutzen.

Urbane Verrücktheiten

In Deutschland organisiert ein Aktionskünstler wie Benjamin David die überraschenden Aktionen einer Gruppe, die sich „Urbanauten“ nennt. Die Gruppe ist bereits durch viele nicht ganz alltägliche Aktionen aufgefallen: So stürmten die Urbanauten ein Münchener Einkaufszentrum und bliesen Hunderte von Seifenblasen in die Luft. Weiter ging es in eine Bank, wo sich die gesamte Gruppe in einer Riesenschlange an nur einem der vorhandenen Geldautomaten anstellte, um Bares abzuheben. Gesteuert wird die Gruppe per SMS oder Twitter.

PR mal anders

Volkswagen witterte eine jugendlich-frische PR-Kampagne, die mal anders sein sollte, als das Unternehmen die Treppen in einer Stockholmer U-Bahn-Station durch Bekleben und die Installation von Lautsprechern und Sensoren wurde die Treppe in ein begehrbares Klavier verwandelt. Ziel der Aktion war es, möglichst viele Menschen von der danebengelegenen Rolltreppe fernzuhalten – mit Erfolg: 66% mehr Menschen benutzen die Treppe. Auch die Kunstszene beschäftigt sich mit Urban Hacking: Die Ausstellung „Paraflows“ in Wien widmete sich 2009 nur den spontanen Straßenaktionen.

Urban Hacking wird immer bekannter und entfernt sich damit zunehmend seiner ursprünglichen Funktion, den Alltag und das alltägliche Treiben zu „hacken“. Nach dem ersten Überraschungsmoment wissen viele sofort, dass es sich um eine organisierte Aktion handelt. Doch ruhig wird es ganz sicher nicht um Gruppen wie die „Urbanauten“ – die Ideen werden nur  – hoffentlich – noch ausgefallener und verrückter, als sie sowieso schon sind.

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