Fahrradpolo – Funsport für Hartgesottene

Eine Hand am Lenker, in der anderen Hand ein komischer Schläger – so fahren beide Männer aufeinander zu. Die volle Konzentration gilt dem kleinen Ball in der Mitte des Feldes und gleichzeitig den Gegner nicht zu rammen. Nachdem er den Ball erobert hat, tritt er in die Pedalen und treibt den Ball mit gezielten Schlägen Richtung gegnerisches Tor, noch ein Gegner umkurvt und dann quergelegt zum Mitspieler. Schieß doch endlich…

Immer häufiger, gerade in den Großstädten, sieht man Grüppchen, die dieser neuen Funsportart namens Fahrradpolo frönen. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen führten wir ein Interview mit Martin Lechleitner, einen der Gründer der Bikepolo Gruppe Dresden:

Wo kommt dieses Fahrradpolo eigentlich ursprünglich her und wer hat sich ausgedacht vom Pferd auf den Drahtesel umzusatteln?

Zu allererst sollte man zwischen Rasenpolo und Hardcourt Bikepolo unterscheiden. Ersteres war schon mal olympische Disziplin und wird immer noch in offiziellen Ligen in Frankreich UK gespielt. Das Zweite, was wir heute spielen, soll sich so vor ca. 15 Jahren in Seattle entwickelt haben: ein paar auftragslose Fahrradkuriere haben in ihren längeren Pausen einfach mit einem Hockeyball und improvisierten Schlägern auf ein Tor geschossen und von da an ging es einmal um die Welt, immer in Richtung Westen, bis es in den 2000ern in Europa ankam.

Wie bist du zu Fahrradpolo gekommen?

Ich bin über meinen Bruder in Berlin dazugekommen, der das dort schon seit einiger Zeit mit befreundeten Fahrradkurieren gespielt hat. Nachdem ich in Berlin ein-zweimal mitgespielt habe, dachten ein paar Freunde und ich, sowas sollte es auch in Dresden geben, dann haben wir uns einen geeigneten Platz gesucht und schon ging es los.

Welche Ausrüstung benötigt man und wo bekommt man sie? Ist die Ausrüstung teuer?

Die Ausrüstung ist relativ überschaubar: erst einmal ein Rad, recht beliebt sind dort Fixies, also mit einem starren Gang, ohne zusätzliche Bremsen, dann noch einen Schläger, meist ein alter Skistock und unten dran ein abgesägtes Stück Wasserrohr (am besten auf Baustellen nachfragen) und einen Hockeyball (Sportgeschäft). Als Tore kann alles dienen, vom Rucksack über Verkehrshütchen bis zu richtigen Hockeytoren. Teuer ist das Ganze nicht wirklich, man kann natürlich auch in edelstes Material investieren, aber grundsätzlich ist es um einiges günstiger als Pferdepolo.

Was gibt es für Regeln und wie schaut das Spielfeld aus?

Die Regeln sind eigentlich sehr einfach: „Sei kein Arsch!“ Das heißt, dass man seinen gesunden Menschenverstand benutzen sollte wenn man auf dem Spielfeld ist. Ansonsten gibt es die Regel, dass Berührung nur zwischen Gleichen erlaubt ist: Schläger auf Schläger, Körper auf Körper und Rad an Rad sind erlaubt, das heißt ich darf keinem Gegenspieler meinen Schläger auf den Kopf hauen! Mittlerweile hat sich aber auch ein halboffizielles Regelwerk etabliert, welches über mehrere A4-Seiten geht und Detailfragen klärt. Aber wie gesagt, hauptsächlich geht es um den Spaß beim Spielen. Das Spielfeld ist ein Rechteck und kann zwischen 10 mal 20 Metern und 20 mal 40 Metern beliebig groß sein.

Wie sieht es verletzungstechnisch beim Fahrradpolo aus und wie schützt man sich?

Tja die Gefährlichkeit hängt sehr stark von den Spielern ab. Natürlich gibt es Stürze und der eine Spieler fährt dem anderen auch mal ins Rad. Wirklich gefährlich ist das aber nicht, es werden ja keine hohen Geschwindigkeiten erreicht. Der Schutz reicht von Handschuhen, über Helm (bei den meisten Tournieren sowieso Pflicht) bis zu Knie/Schienbeinschützern zu Armschützern und Visieren. Wie gesagt, wenn man sich an die Grundregel „Sei kein Arsch!“ hält kann außer einer Schramme oder einer kleinen Prellung nicht viel passieren, allerdings ist es auch schon zu Platzwunden am Kopf gekommen, in diesen Fällen hat aber meistens der Helm gefehlt.

Was ist der Reiz bei Fahrradpolo?

Man könnte sagen einfach ausprobieren, dann merkt man schon wo der Reiz liegt, aber an sich ist es natürlich erst einmal ein Sport, der einen richtig auspowert. Man sollte aber schon sehr gern auf dem Rad sitzen. Neben der Kontrolle über das Rad muss man natürlich noch den Ball treffen und diesen auch idealerweise ins Tor. Insgesamt ist es also eine Mischung aus Sport, mit netten Leuten in der Stadt abhängen und natürlich geile Tore schießen.

Sollte man irgendetwas besonders gut können um gut in Fahrradpolo zu sein?

Wie gesagt, Fahrrad fahren sollte schon zu den Hobbys gehören, die man sehr gern hat. Mit einem Schläger umgehen ist auch nicht verkehrt und Fairplay sollte auch dabei sein. Ansonsten gehört auch ein bisschen Ehrgeiz dazu um auch im Winter bei Minusgraden auf dem Court zu sein und Polo zu spielen.

Wo spielt man Fahrradpolo und wie findet man Gleichgesinnte? Gibt es Vereine?

Also ich denke Polo ist hauptsächlich ein Stadtsport und es wird dort gespielt, wo es eine glatte Fläche gibt, die idealerweise so etwas wie eine Bande besitzt. Also Hockeyfelder, Tennisplätze, Skateparks, Basketballfelder, oder aber auch Supermarktparkplätze gehen. Gleichgesinnte findet man heutzutage meist im Internet, die meisten Polospieler haben lokale Seiten oder Foren, international gibt es natürlich noch die www.leagueofbikepolo.com, wo sich weltweit Spieler eintragen können, man über Regeln diskutiert und Fahrten zu den nächsten Tournieren organisieren kann. Richtige Vereine gibt es (noch) nicht. Es ist bisher alles ziemlich locker organisiert, was sowohl Vor- und aber auch Nachteile hat.

Gibt es sowas wie Turniere, Weltmeisterschaften, etc.?

Mittlerweile gibt es von März bis Oktober fast jedes Wochenende ein Turnier in Europa, Weltmeisterschaften gab es bisher zwei, die erste in Philadelphia die zweite 2010 in Berlin, dieses Jahr wird sie wieder in den USA stattfinden. Diesmal in Seattle glaube ich, die Turnierdichte hat sich auch erst in den letzten beiden Jahren stark erhöht.

Wie sieht das in anderen Ländern mit Fahrradpolo aus?

Das Land mit den meisten Teams sind die USA, dort dürfte es mittlerweile über 150 Teams über das ganze Land verteilt geben. In Europa wird Polo auch fast in jedem Land gespielt, in London gibt es mittlerweile eine eigene Stadtliga, aber auch Schweden, Tschechien, Ungarn und Russland sind vertreten. Daneben gibt es noch einige Teams in Israel und relativ schnell wächst gerade die Polo-Gemeinde in Japan und Australien. Es gibt aber auch einige Teams in Südamerika. Man kann also schon fast von einem globalen Sport sprechen.

Wie populär ist Fahrradpolo inzwischen?

Um in Zahlen zu sprechen: Im Sommer 2010 gab es schon über 200 Teams (pro Team 3 Spieler) von denen sich 96 für die Weltmeisterschaften in Berlin qualifiziert haben. Innerhalb der letzten 9 Monate sind locker 70 bis 80 Teams dazugekommen. Momentan wächst die Zahl der Polo-Begeisterten ziemlich schnell.

Wer sich nun das Ganze einmal anschauen möchte: Bei Tracks, dem Magazin von Arte, gibt es einen netten Beitrag über Fahrradpolo.

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Leserbriefe

2 Kommentare

Luis #

31. März 2011 // 17:06

Schöne Sache. Hab ich selbst auch schon mal gesehen und es ist unglaublich wie manche das Können! 😀

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