So schön kann Berlin sein: Wandmalerei in der Hauptstadt

Wenn man etwas nennen soll, das typisch ist für Berlin, dann fällt einem der Fernsehturm ein, die weiten Straßen, die Vielfalt an Menschen und dass man hier auch morgens um fünf noch etwas zu essen bekommt – auch sonntags. Vielleicht ist nur wenigen wirklich bewusst, dass es außerdem keine Stadt in Europa gibt, die so viele Giebelwandbilder hat wie Berlin. Aufregende Kreaturen und phantasievolle Motive zierten bisher rund 480 Hauswände. Etwa 200 davon sind fast nicht mehr erkennbar.

Ein Baum als Beginn

1975 zierte ein überdimensionaler Baum eine Hauswand in der Nähe vom S-Bahnhof Tiergarten von Ben Wargin. Das mittlerweile kaum noch erkennbare Motiv zeigt einen schreienden Baum neben einem Auspuffrohr, darüber ist ein Schiff mit neuen Bäumen zu sehen – eine künstlerische Auseinandersetzung mit den damals aufkeimenden Diskussionen um den Umweltschutz. Das Wandbild am Siegmundshof 21 war das erste bedeutende Berliner Wandbild und reihte sich ein in die in anderen deutschen Städten seit den 70er Jahren aufgekommene künstlerische Gestaltung von Hausfassaden.

Steinerne Leinwände

Das rasante Bevölkerungswachstum im Berlin des 19. Jahrhunderts brachte in der Bausubstanz vor allem die für die Hauptstadt typischen Mietskasernenquartiere hervor. Damit entstanden auch zahlreiche enge Bebauungen mit diversen verwinkelten Hinterhöfen und Seitenflügeln, deren Brandmauern kahl blieben. Bereits in der Gründerzeit wurden die Mauern teilweise bemalt, um vor allem bauliche Mängel zu übertünchen. Die Zerstörung durch Bombardierungen legte im 2. Weltkrieg außerdem eine riesige Zahl von Brandwänden frei, die später als riesige Leinwände für eine Vielzahl ausdrucksvoller Bilder genutzt wurden.

Vergängliche Fassadenschönheit

Seitdem wurden in Berlin um die 480 Kunstwerke an Berliner Hauswände gemalt. Die Lebensdauer der Bilder ist jedoch nicht allzu lang: Verwitterung, das Schließen von Baulücken nach der Wende und die Anbringung von Wärmedämmungen lassen die meisten Wandbilder nach 15 bis 20 Jahren wieder verschwinden. Viele Bilder, die die Berliner Hauswände verzieren, entstanden aus Mitteln der öffentlichen Hand im Rahmen von Programmen und Wettbewerbe wie „Kunst am Bau“ oder „Farbe am Stadtbild“ des Berliner Senats. Während der Zeit der deutschen Teilung wurde die Wandmalerei für einige öffentliche Gebäude entdeckt. Etwa drei Prozent der Bausummen waren für die Kunst an öffentlichen Gebäuden reserviert, und so finden sich die meisten Wandbilder aus DDR-Zeiten im Ostteil der Stadt an den Fassaden von Schulen, Kindertagesstätten und Turnhallen.

Schöner wohnen

Als Finanzträger wirkten und wirken auch Wohnungsbaugesellschaften. Oft finden hier Kooperationen mit Künstlern statt, deren Bilder das Wohnen in großen Siedlungen attraktiver machen sollen. So arbeitete das Wohnungsunternehmen „Stadt und Land“ zusammen mit dem portugiesischen Künstler Carlos Martins und dem Quartiersmanagement zusammen. Dabei entstanden mehrere Fassadenbilder für die Neuköllner High-Deck-Siedlung. Ein weiteres Projekt von „Stadt und Land“ ist die Gestaltung einer Hellersdorfer Plattensiedlung zu Beginn der 90er Jahre mit der „Giebellandschaft im Grabenviertel“. Wandbilder jüngeren Datums sind Zeichnungen im Kreuzberger Wrangelkiez, die im Zusammenhang mit dem Straßenkunstfestival „Backjumps“ entstanden und vor allem von jungen Künstlern kreiert wurden.

Architektur, wo keine ist

Die Thematik der Bilder ist einem Wandel unterworfen: Bilder mit gesellschaftskritischem Charakter, die vor allem in der Zeit der Berliner Hausbesetzungen entstanden, sind im Laufe der Zeit mehr und mehr dem Spiel mit architektonischen Motiven und optischen Täuschungen gewichen. Anstelle der politischen Aussage rückten vor allem ein ästhetischer Anspruch und originelle Ideen bei der Gestaltung von Hauswänden in den Vordergrund. Viele Wandmalereien bilden Architektur ab, wo keine ist – die Künstler lieben das Spiel mit der Illusion. So musste schon der eine oder andere Autofahrer die Bekanntschaft mit der Verkehrsinsel in der Charlottenburger Wintersteinstraße machen, weil ein die Hauswand durchbrechender Dampfer die Straße kreuzte…

Wenn Sie mehr über die Berliner Wandbilder im Bezirk Kreuzberg erfahren möchten, können Sie an einer Führung teilnehmen, die quer durch Kreuzberg führt und viele interessante Geschichten rund um die Künstler und ihre Werke bereit hält.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Leserbriefe

Ein Kommentar

Guenter #

15. April 2011 // 22:00

Bemerkenswerter Artikel. Würde gern mehr Posts zu der Thematik sehen. Freu mich auf die naechsten Posts.

Antworten

RSS-Feed zu diesem Beitrag