Tschick – Durchs wilde Brandenburg

Den Boden vollblutend und „eingepisst“ sitzt Maik Klingenberg auf der Polizeiwache. Nachdem er im Krankenhaus aufwacht und nur noch weiß, dass er zur Seite vom Stuhl gekippt und seinem Spiegelbild im Linoleum entgegen gefallen ist, beginnt Maik seine Geschichte zu erzählen.

Langweilig schien der Sommer zu werden. Die Mutter war mal wieder auf Grund ihres Alkoholkonsums in der Entzugsklinik und der Vater mit der Geliebten in den Urlaub gefahren, während Maik den Sommer alleine am Pool der elterlichen Villa verbringen sollte. Und damit noch nicht genug, die „superporno“ Braut Tatjana aus seiner Klasse hatte ausgerechnet ihn und diesen komischen Russlanddeutschen „Tschick“ als einzige nicht zu ihrer Geburtstagparty eingeladen.

Alternativprogramm

Stattdessen dreht das gerade neu gebildete, ungleiche Duo ein ganz anderes Ding. Mit einem alten klapprigen Lada, einer Odyssee gleich, fahren sie aus Berlin heraus und quer durch die Provinz. Ziel ist eigentlich die Walachei, aber ohne Kompass und Karte und nur mit der Sonne als Orientierung gondeln sie durchs Irgendwo im Nirgendwo in Brandenburg.

Schöpfer dieses warmherzigen und gewitzten Romans, der im Herbst letzten Jahres erschien, ist der schwerkranke Autor Wolfgang Herrndorf, der 1965 in Hamburg geboren wurde und unter anderem als Illustrator für die Titanic und den Hoffmans Verlag bekannt wurde. Mit dem Roman „Tschick“ liefert er uns ein Roadmovie und Abenteuerbuch im brandenburgischen Niemandsland, gefüllt mit Szenerien voller Situationskomik, die im ersten Moment köstlich amüsieren und im nächsten Moment herzlich berühren. Der Autor versteht es stilsicher und authentisch in die Erzählperspektive eines 14jährigen Ich-Erzählers zu schlüpfen.

Sensationelle und urkomische Vergleiche und Erklärungen führen zu großartigen Dialogen, die niemals flach wirken. Regelmäßig fühlt man sich im Laufe der Lektüre in seine eigene Pubertät zurück versetzt schwelgt in Jugenderinnerungen. Sei es die teilweise jugendliche Naivität, die hier realistisch und stilsicher dargestellt wird, das erste Mal so richtig verliebt sein, das Schwärmen für Mädchen, die unerreichbar scheinen oder das haschen nach Aufmerksamkeit. Neben der abenteuerreichen Handlung kreisen die zentralen Themen um ungleiche Freundschaften, Liebe, Familie, Anerkennung und Außenseitertum.

Ostdeutschland als fast ausgestorbenen wirkende Region voller Romantik und Charme

Die ostdeutsche Provinz, die das ungleiche Paar auf ihrer Reise durchkreuzt wird nicht als trostlos vermittelt, stattdessen wird Brandenburg als eine Landschaft mit Wildnis-Charakter in all seiner Schönheit dargestellt. Durch eine sehr farbenfrohe und detailreiche Beschreibung, ist dieses Gefühl auf einer Kuppe am Kornfeldrand zu stehen und über sanfte sich im Wind wiegende Hügel zu blicken, während die Sonne untergeht oder ein Gewitter aufzieht, zwischenzeitlich fast greifbar und ebenso spürbar.

Auf ihrer Reise begegnen die Zwei immer wieder skurrilen Personen: Einmal werden sie von einer komischen Familie zum Mittag eingeladen, dann wird auf sie geschossen und dann ist da ja noch das Mädchen vom Schrottplatz. Isa stinkt zwar zu Beginn bestialisch, läuft dann aber durch ihre sympathische und offene Art sogar Tatjana den Rang ab.

Dieses Buch bietet größten Lesespaß und ist die perfekte Lektüre für den Sommer, nur der Roadtrip hätte ruhig noch 2 Wochen länger dauern können.

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