Carsten Höllers “Soma”

Faszinierende Synthese von Mythologie, Kunst und Wissenschaft

Kanariengesang erfüllte Luft, Stallgeruch, Mäuse in Holzvorrichtungen und Fliegen im Plexiglaskasten – die Tiere im Hamburger Bahnhof halten nicht etwa Zwischenstation für einen neu entstehenden Berliner Zoo, sondern sind das Ergebnis einer künstlerischen Auseinandersetzung des Agrarwissenschaftlers Carsten Höller mit der Entstehung und Wirkung des mythischen Trankes Soma, dessen Zusammensetzung bis heute nicht geklärt ist.

Der geheimnisvolle Trank

„Wir haben das Soma getrunken; wir sind unsterblich geworden, wir haben das Licht gesehen; wir haben die Götter gefunden“. Diese Worte finden sich im Rigveda, der ältesten Gründungsschrift der hinduistischen Religion aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Die Schrift ist eine von vielen Quellen, in denen sich Hinweise auf die Existenz eines wundersamen Tranks namens Soma finden. Laut Überlieferung verspricht der Trank dem, der ihn zu sich nimmt, göttliche Erkenntnis, Reichtum, Glück und Siegeskraft. Soma wurde von Menschen und Göttern gleichermaßen genossen.

Der Rigveda ist der Ausgangspunkt für die im 20. Jahrhundert begonnene wissenschaftliche Suche nach der Zusammensetzung des Tranks und nach seinem grundlegenden Inhaltsstoff. Im Jahr 1968 publizierte Gordon A. Wasson, Mykologe aus Leidenschaft, ein Kompendium, in welchem er eine sprachbezogene Untersuchung der rigvedischen Verse mit den Berichten von Bräuchen sibirischer Nomaden kombiniert und den Fliegenpilz (Amanita muscaria) als die gesuchte Ingredienz ausmacht.

Der New Yorker Bankier ging davon aus, dass der Fliegenpilz beim Somaritual direkt verzehrt wurde, aber auch indirekt über den Urin eines Menschen oder eines Tieres, die vorher Fliegenpilz konsumiert haben. Wassons Ausführungen legen nahe, dass es sich dabei vor allem um Rentiere gehandelt haben kann, zu deren natürlichen Nahrungsmitteln der Fliegenpilz gehört. Damit würde endlich eine Erklärung existieren, die den Verlust des Wissens um das Soma und seine Zusammensetzung erklärt: Mit der Abwanderung der nomadisierenden Stämme Zentralasiens gen Industal zwischen 2000 und 1000 vor Christus ließen diese den Lebensraum von Rentieren und Fliegenpilzen hinter sich – der Trank und seine geheimnisvolle Rezeptur fielen dem Vergessen anheim.

Aus Wissenschaft wird Kunst

Der habilitierte Agrarwissenschaftler Carsten Höller greift die theoretischen Darlegungen Wassons auf und führt diese ins Reich der Kunst. Im Hamburger Bahnhof installiert Höller in Experiment-Manier eine riesige, dreidimensionale Versuchsanordnung, die sich entlang ihrer Mittelachse in zwei Hälften teilt: Rentiere, Mäuse, Fliegen, Kanarienvögel, Rentierurin und Fliegenpilze sind Meilensteine auf der Verbindungsstrecke zwischen der gewöhnlichen Welt und dem Reich des Soma, welches auf der einen Hälfte des Experimentierfelds verabreicht werden soll. Die Vollendung und Auswertung des Experiments überlässt Höller der Imagination der Betrachter.

Von einer erhöhten Tribüne aus können Besucher vermeintliche Unterschiede zwischen den Tieren, die den Rentierurin konsumieren, auf den beiden Seiten ausmachen. Wer eine längere Beobachtungszeit für sich veranschlagt, der kann im Hotelbett, welches direkt über der Versuchsanordnung schwebt, übernachten und die Wirkung des zauberhaften Tranks mit in seine Träume nehmen.

Wassons These ist in der Diskussion um den Ursprung des Soma ebenso dominant wie umstritten. Eine die Ausstellung begleitende Publikation bietet einen Überblick über die faszinierende Bandbreite der länder- und zeitübergreifenden Beschäftigung mit dem Fliegenpilz und dem Soma.

Die Ausstellung kann im Hamburger Bahnhof bis zum 6. Februar 2011 besucht werden.

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