Italowestern – Reisende in Blei

Eine staubige Straße: im Hintergrund rollt ein vertrockneter Busch durchs Bild, der Antiheld und sein Gegenspieler stehen sich in der dreckigen verlassenen Stadt gegenüber und die Hand ruht angespannt neben dem geladenen und gespanntem Revolver. Cut, Nahaufnahme: starrer Blick, hoch konzentriert, die Stirn voller Schweißperlen. High Noon.

Der gleichnamige aber völlig anders gestaltete Film „High Noon“ von 1952 mit Gary Cooper und Grace Kelly in den Hauptrollen gilt als das Paradebeispiel für den klassischen Western. Die Story um den Helden, in diesem Fall der Sheriff, in seinem einsamen Kampf gegen den Bösewicht und Erzfeind nähert sich langsam aber stetig dem Höhepunkt, dem Duell um 12 Uhr mittags.

Der Antiheld

Während in „High Noon“ der Held ganz klassisch Pathos und ritterliche Tugenden verkörpert und es in der Stadt und den Gesichtern nicht staubig und dreckig wirkt, arbeitet der Italo- oder später auch Spaghettiwestern mit anderen Mitteln und Themen. Das in den 1960ern entstandene Sub Genre des Western wurde hauptsächlich von italienischen Produktionsfirmen und Regisseuren entworfen. Einer der treibenden Kräfte war der Godfather des Italowestern Sergio Leone, der mit seiner Dollar Trilogie mit Clint Eastwood und „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit Henry Fonda und Charles Bronson Meilensteine der Filmgeschichte schrieb. Gerade der erste Teil „Für eine Handvoll Dollar“ gilt als Begründer und maßstabgebend für die vielzähligen nachfolgenden Italowestern.

Neben der sogenannten italienischen Einstellung Sergio Leones, bei der nur die Augen in Nahaufnahme gezeigt wurden, gelten die schmutzige und düstere Atmosphäre und die zuvor nie in der Form dagewesene Brutalität als klassische Merkmale des Sub Genres. Thematisch stellte der Italowestern durch seinen destruktiven Anarchismus einen Abgesang auf den Pathos und das klassische Heldentum des Wilden Westens mit seinen Rittertugenden dar. Dies war die Geburtsstunde des gegen bürgerliche Verhaltensformen rebellierenden Antihelden, der sinnbildlich für den moralischen Verfall stand. Häufig wurde eine völlig verkommene Gesellschaft gezeichnet, deren Protagonisten getrieben von Habgier und Rache nur ihrem Eigennutz dienten. Plötzlich war es nicht mehr möglich die Differenz zwischen Gut und Böse an Äußerlichkeiten wie der Hutfarbe festzumachen.

Mexikaner statt Indianer

Drehort für die Italowestern waren Südeuropa, vor allem die Wüste in Andalusien. Von der Voraussetzung der Gebäude und der Landschaft war es daher leichter Mexikaner in den Filmen zu integrieren. Außerdem spielt das Gros der Filme gegen Ende des Wilden Westens und damit zu einer Zeit wo der Untergang der Indianer schon besiegelt war. Allerdings waren Themen wie Unterdrückung, Fremdenhass und Diskriminierung, obwohl Sie zu diesem Zeitpunkt noch stark umstritten waren, häufig ein wichtiges Merkmal in diesen Filmen. Der Italowestern versuchte eben nicht schwarz und weiß zu malen, sondern bemühte sich eine differenzierte Gesellschaft in all ihren Facetten abzubilden und spiegelte damit viel eher das realistische Leben zur damaligen Zeit wieder.

Musikalisch wurden diese Filme durch völlig neue Kompositionen untermalt. Erstmals kamen E-Gitarren und Geräusche in ihren unterschiedlichsten Formen zum Einsatz. Ein ganz prägnantes Stilmittel des Italowestern ist das Pfeifen und die Mundharmonika. Nicht ohne Grund heißt einer der Hauptcharaktere in „Spiel mir das Lied vom Tod“ Harmonica und trägt eben diese am Lederband um den Hals. Ennio Morricone, einer der erfolgreichsten Filmkomponisten unserer Zeit, gelangte durch seine Westernmusik zu wahrem Weltruhm. Er steuerte unter anderem die Filmmusik zu den Klassikern „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Für eine Handvoll Dollar“ und „sein Name war Nobody“ bei.

Als Nachfolger, der eine Mischung der verschiedenen Western Genre darstellt, gilt der Spätwestern, der Gerade in den letzten Jahren wieder verstärkt ein Revival erlebt. Erst vor kurzem erfreuten uns die Coen Brüder mit ihrem Remake des John Wayne Klassikers „True Grit“.

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Leserbriefe

Ein Kommentar

Malte #

26. April 2011 // 14:15

Lehrreicher Beitrag. Bereichernd, wenn man das Thema auch mal aus einem anderen Blickwinkel beschrieben lesen kann.

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