Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel

Haruki Murakami wird in Japan als „ranghöchster Romancier“ gefeiert. Seit mehr als 30 Jahren schreibt er Erzählungen, Romane und Essays, die längst internationale Berühmtheit erlangt haben. Sein Roman „Mister Aufziehvogel“, der 1998 in Deutschland erschien, stieß bei den Kritikern nicht immer auf Wohlwollen: Die Urteile reichen von „langatmig“ bis hin zu „verworren“ und „rätselhaft“. Unsere Meinung über den vierten Roman des Japaners fällt weitaus positiver aus: Ein tiefsinniger Roman, der den Leser auf eine spannende und tiefenpsychologische Reise mitnimmt.

Das durchschnittliche Leben des Toru Okada

Toru Okada lebt gemeinsam mit seiner Frau in Tokio. Er kündigt seinen Job in einer Tokioter Anwaltskanzlei, um in Ruhe über einen beruflichen Neuanfang nachzudenken.

An einem durchschnittlichen Tag in Okadas Leben, er kocht gerade Nudeln, klingelt plötzlich das Telefon. Eine Frau, deren Stimme Toru Okada bekannt vorkommt , die er jedoch nicht erkennt, bietet ihm Telefonsex an. Dies ist der Auftakt zu einer bizarren Reise, von deren Ausmaßen Toru Okada zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnt.

Reisegefährten

Das plötzliche Verschwinden des gemeinsamen Katers von Toru und seiner Frau Kumiko ruft eine Vielzahl von absurden Gestalten auf den Plan: Im Garten seines Nachbarn lernt Toru die 17jährige May Kasahara kennen, die sich weigert, zur Schule zu gehen und hin und wieder Jobs in einer Firma für Perückenherstellung annimmt. Für die Katersuche engagiert Kumiko die hellseherisch veranlagten Schwestern Malta und Kreta Kano. Als auch Kumiko eines Tages spurlos verschwindet und immer mehr rätselhafte Begegnungen seinen Alltag ereilen, beginnt Toru Okada zu begreifen, dass die Wirklichkeit, wie er sie bisher wahrgenommen hat, nur eine von vielen Welten ist, die auf rätselhafte Weise zusammenhängen und deren Kontakt untereinander manchmal unmöglich scheint. Der Grund eines ausgetrockneten Brunnens wird für Toru Okada der Ausgangspunkt in ungeahnte Tiefen seiner Phantasie und an die Grenzen seiner Psyche.

Faszinierender Tiefgang

Haruki Murakami ist es mit diesem Roman auf einzigartige Weise gelungen, den Leser tief in die Sphären der Seele der Hauptfigur Toru Okadas tauchen zu lassen. Murakamis Erzählstil ist dabei so lebendig, so intensiv, dass wir keine andere Möglichkeit haben, als mit Toru Okada gemeinsam in den ausgetrockneten Brunnen zu klettern und uns auf eine Reise zu begeben, bei der Traum und Realität nicht immer leicht voneinander zu trennen sind. Wir als Leser sitzen daneben, wenn Toru Okada gemeinsam mit den von Kumiko eigens für die Katzensuche engagierten hellseherisch veranlagten Schwestern Malta und Kreta Kano die absurdesten Geschichten erlebt. Gemeinsam mit Toru Okada lauschen wir den tragischen und blutrünstigen Geschichten über die menschenverachtenden Geschehnisse zur Zeit der japanischen Besatzung der Mandschurei und des japanisch-sowjetischen Grenzkonflikts und wir sitzen neben Toru Okada, wenn er auf dem Boden des Brunnens versucht, die Abgründe der Vergangenheit an die Oberfläche zu holen.

Die Suche als Ziel

Ein wichtiges Buch voll schillernder Figuren und rätselhafter, spannender Begebenheiten und Zusammenhänge, die psychoanalytische, historische und Aspekte gleichsam einbezieht. Dabei ist es sicher nicht Anliegen des Romans, alle Rätsel, die er aufgibt, eindeutig aufzulösen. Er zeigt vielmehr, dass die Suche nach etwas oftmals wertvollere Erfahrungen und Läuterungen mit sich bringt als das wahrhaftige Erreichen eines Zieles.

Der Autor

Haruki Murakami wurde 1949 in Kyōto geboren. Während seiner Kindheit, die er in der Hafenstadt Kōbe verbrachte, kam er in Kontakt mit der Literatur dort stationierter Marinesoldaten. Dies übte einen nachhaltigen Einfluss auf Murakamis schriftstellerisches Schaffen aus. Ab 1968 studierte er Theaterwissenschaften und Drehbuchschreiben an der Waseda-Universität. Bekannt wurde er durch seine Romane „Wilde Schafsjagd“ (1982), „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ (1985), den Erzählband „Der Elefant verschwindet“ (1993) und „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100prozentige Mädchen sah“ (1993).

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Leserbriefe

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare oder Backlinks.

RSS-Feed zu diesem Beitrag