Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story

Der Schriftsteller Gary Shteyngart ist aus der zeitgenössischen amerikanischen Literatur nicht mehr wegzudenken. Als Sohn jüdisch-russischer Eltern kam er im Alter von sieben Jahren in die Vereinigten Staaten. Sein Durchbruch gelang ihm bereits mit seinem ersten Roman, „Handbuch für den russischen Debütanten“. Er gilt als ein kritischer und dennoch äußerst humorvoller Beobachter und Karikaturist der amerikanischen Gesellschaft, die stellvertretend für das moderne Europa steht. Sein neuer Roman „Super Sad True Love Story“ erschien am 15. Juli im Rowohlt-Verlag.

Das Zeitalter, in dem Larry Abramov sein Dasein in einer uns auch heute bekannten Stadt namens „New York“ fristet, ist von unserem gar nicht so weit entfernt. Und doch ist es eine Zeit, in der der amerikanische Traum zu einer absurden Karikatur seiner selbst degradiert ist: Der Mensch ist in einer abgewirtschafteten Gesellschaft zur Vollendung eines konsumgesteuerten, emotionslosen Automaten geworden, ständig kontrolliert vom Großen Bruder, der uns diesmal in Gestalt eines stets Ratschläge gebenden Otters begegnet.

Unter der Herrschaft des Äppäräts

Das, was heute vor allem in den kulturpessimistischen Weltuntergangs-Prophezeiungen unserer Tage Gestalt angenommen hat, ist im New York des Romans gewachsene Wirklichkeit für Mensch und Staat geworden: Die Demokratie ist einem Polizeistaat gewichen, es droht ein Bürgerkrieg, der Central Park ist zum No-Go-Area geworden und die Amerikaner führen außerdem einen absurden Krieg in Venezuela.

Das smartphoneähnliche Haustier eines jeden Bürgers: der Äppärät. Immer dabei, immer wachsam und vor allem memotechnisch begabt merkt er sich doch Herzfrequenz, Sozialversicherungsnummer, Kontostand, Cholesterinspiegel, sexuelle Vorlieben und Potenzen („Fickfaktor“) und jegliche unmoralische Gedanken seines Besitzers – Privatsphäre ist aus dem Wortschatz der Gesellschaft verschwunden. Der die Menschheit seit ihren Anfängen quälenden Gewissheit um die Endlichkeit ihrer Existenz schauen die Menschen in Shteyngarts Roman mit der Technik der sogenannten “Dechronifizierung“ ins Auge – hier werden alle Zellen des Körpers erneuert, um das Ticken der biologischen Uhr zu überlisten.

True Love Story?

In diesem reizüberflutendem New York der Zukunft lebt der jüdisch stämmige, 39jährige Lenny Abramov, Mitarbeiter der Abteilung „Posthumane Dienstleistungen“ und hat inmitten des dröhnenden, reizüberflutenden (noch) Zukunftsszenarios vor allem Augen für Eunice Park, eine 24jährige koreanisch stämmige Amerikanerin, die sich durch ihre Abgebrühtheit und ihren Witz von anderen Frauen unterscheidet. Und genauso unwahrscheinlich, wie eine Liaison zwischen zwei so unterschiedlichen Erdenbewohnern ist, mit genau so großer Sicherheit ereignet sie sich im Roman: die undenkbare Liebesgeschichte, die natürlich super sad und true ist – und eigentlich auch ziemlich altmodisch. Hält die Liebe der beiden den Gegensätzen zwischen Lennys altmodischer Papier- und Bücherliebe, seiner sowjetischen Herkunft, seinem Geruch nach muffigen Erdresten und Eunice‘ abstrakter, steriler Schönheit und ihrer koreanischen Herkunft stand?

Der Autor

Gary Shteyngart ist ein amerikanischer Autor jüdisch-russischer Herkunft. Geboren wurde er 1972 in St. Petersburg. Als er sieben Jahre alt war, emigrierten seine Eltern in die Vereinigten Staaten nach New York. Sein Romandebüt „Handbuch für den russischen Debütanten“ aus dem Jahr 2002 war ein Erfolg. 2006 erschien sein zweiter Roman „Snack Daddys abenteuerliche Reise“ (Original: „Absurdistan“).

Über die Problematik, auf die er während des Schreibens von „Super Sad True Love Story“ stieß, sagt er zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Als Schriftsteller bin ich vom Präsens fasziniert, aber es gibt keine Gegenwart mehr, alles geht so schnell. Wenn man heutzutage ein Buch schreibt, das in der Gegenwart spielt, liest es sich bis zur Veröffentlichung wie ein historischer Roman.“ Tolstoi wäre solchen Problemen nicht begegnet: „Der konnte 1865 ganz entspannt über 1812 schreiben, ein Pferd war da immer noch ein Pferd, Winter war Winter, es gab keine Erderwärmung, keine neue Killer-App fürs iPhone…“

Am 13. September liest Gary Shteyngart um 20.00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße 24 aus „Super Sad True Love Story“ vor.

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