Blinddate mit Sienna – Ein Erstkontakt beim „The Macallan“ Whisky-Tasting

Gediegen geht es zu bei einem Whisky-Tasting. Früher hieß das übrigens mal Verkostung.

Die schwere Tür der exklusiven Bar „Le Lion“, die normalerweise nur überwunden werden kann, wenn das Personal einen für würdig erachtet, steht heute weit offen. Zwischen mir und den gehaltvollen Getränken stehen nur noch zwei Hostessen. Sie finden meinen Namen schnell auf der Liste.

Bevor ich richtig den Laden betreten habe, bin ich Jacke, Tasche und Laptop los. Alles sicher verstaut, wie mir ein junger und freundlicher Herr versichert. Wenige Augenblicke später reicht mir eben dieser auch schon den Begrüßungscocktail. Und da ist der historische Moment: Mein Erstkontakt. The Macallan „Amber“ serviert mit Lime und Soda. Ich nippe etwas skeptisch. Der Einstieg verläuft entspannt, es schmeckt. Vom entscheidenden Whisky schmeckt man freilich noch nicht viel. Das soll sich aber schnell ändern. Der Laden füllt sich mit ca. 30 vorwiegend wohlgekleideten Menschen, lediglich ich bin underdressed. Spirituosenhändler, Großhandler, Journalisten, alle sehen fürchterlich erfolgreich aus.

Licht aus, Spot an. Bevor endlich „getastet“ werden darf, erfahren die anwesenden Whisky-Connaisseure (und ich) von Stuart MacPherson, dem Master of Wood (so wird der Mann wirklich bezeichnet), reichlich über die Holzpolitik bei The Macallan. Die ist, der geneigte Leser wird es wissen, nämlich von elementarer Bedeutung. Logisch, dass da nur Sherryfässer aus spanischer und amerikanischer Eiche in die Brennerei kommen. Nur nebenbei: Gebrannt wird das kostbare Gut ausschließlich in kleinen kupfernen Brennblasen. Der erste Drink ist mir inzwischen gut bekommen.

Nachdem alle Anwesenden die mitgebrachten Eichenholzbelegstücke und Musterkupferblöcke begutachtet haben, kommt endlich das Getränk auf den Tisch. Erst einmal nur Wasser, das ist wichtig, um bei Bedarf das edle Getränk mit einigen wenigen Tropfen zu versehen oder schlicht den Geschmack im Mund zu neutralisieren.

Jetzt aber. Wir wiegen The Macallan – 1824 Series „Amber“ leicht in unseren Gläsern, versuchen die Farbe zu begutachten. Im schummrigen Barlicht ist es allerdings schwierig, irgendetwas zu erkennen. Also nehme ich noch einen Schluck und endlich haben die Geschmacks- und Geruchsnerven die Chance, so richtig zu explodieren. Nach irgendwas schmeckt und riecht der, denke ich. Glücklicherweise wird uns erklärt wonach: „Dem leicht floralen, zitronig-süßlichem Aroma folgen eine süße Vanillenote sowie Duftnuancen frisch geernteten Getreides.“ Dann noch etwas mit grünen Äpfeln, Ingwer und Zimt. Nicht vergessen werden darf der Eichen-Nachklang. Ach so, denke ich. Ich gebe mir also Mühe, immerhin soll die Flasche 54,90 Euro kosten. Günstig, wie der weitere Abend zeigen soll.

Beim zweiten Nippenklappt´s schon besser. Etwas Apfel – ja. Etwas Zitrone – ja. Wie schmeckt eigentlich Eiche?

Bevor ich länger darüber nachdenken kann, kommt der Nächste auf den Tisch. Gereicht wird: The Macallan – 1824 Series „Sienna“. Basisfakten: Holztechnisch unterscheidet er sich vom „Amber“ durch die 100% First-Fill-Sherry-Fässer. Kosten soll er 86,90 Euro.

Ich probiere direkt und versuche vor den Erläuterungen, mir ein eigenes Bild zu machen. Erst werden die Aromen aufgesogen, dann fließen wenige Tropfen in meinen Mund. Zu meiner fast schockierenden Überraschung meine ich Feigen und Orangen zu schmecken. Gar nicht so schlecht, wie sich herausstellt. Zwei von sieben – der Anfang ist gemacht. Das weiße Schokoladentrüffel-Aroma bleibt mir hingegen vollständig verborgen, die Dattel-, Muskat-, Apfel,- Ingwer- und Rosinennoten leider auch. So langsam komme ich in Fahrt. Ich habe erste Schmetterlinge im Bauch.

Der Höhepunkt des Abends naht: Die Präsentation des immerhin 169,00 Euro teuren The Macallan – 1824 Series „Ruby“. Sie verläuft unprätentiöser als man vermutet hätte.

Schnell kommen die Gläser auf den Tisch. Diesmal liege ich völlig daneben. Muskat, Orangen, Ingwer, Sultaninen- nichts! Er schmeckt mir, nur leider schmecke ich nicht das, was ich schmecken soll. Das liegt natürlich einzig und allein an mir, ist inzwischen aber egal. Ich schäme mich kurz und probiere jetzt abwechselnd die drei sich scheinbar selbständig auffüllenden Gläser. Dabei gucke ich, als hätte ich Ahnung und stimme gelegentlich den Leuten am Tisch mit einem wissenden Nicken zu.

Der Abend ist gemütlich, mir wird langsam warm. Plötzlich: Ein Tumult. Eine Frage ist auch nach 2 Stunden noch offen. „Wie lange lagert The Macallan denn nun“, rufen einige whiskyverhangene Stimmen. Standhaft wird uns mehrfach versichert, das sei bei diesem Whisky schlicht nicht von Bedeutung.

Es stimmt. Mich hat es nicht interessiert. Unsere Liebe ist zwar noch frisch aber voller Leidenschaft. Sienna und ich sind jetzt ein Paar.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Leserbriefe

2 Kommentare

Christiane #

4. Juni 2013 // 17:43

Sehr unterhaltsam und lesenswert! Ich glaube, mir wäre es ähnlich ergangen…

Antworten

Paps von Vasilij #

8. November 2013 // 00:09

Ach, herrlich!

Antworten

RSS-Feed zu diesem Beitrag