Essen erleben: Guerilla-Restaurants und Running Dinner

Guerilla Restaurants und Running Dinners sind en vogue. Beide führen kommunikationswütige Zeitgenossen in privaten Wohnungen an einem gedeckten Tisch zusammen, die von Köchen oder denen, die es mal werden wollen, nach allen Regeln der Kunst verköstigt werden. Bei selbst gekochten Menüs mit mehreren Gängen lernt man die ungewöhnlichsten Gäste aus Nah und Fern kennen und schnell bezieht sich die Konversation nicht mehr nur aufs Essen und die ungewöhnlichen Umstände der Zusammenkunft aller Anwesenden. Manch ein Abend in einer fremden, zum Restaurant umdekorierten Wohnung birgt neben kulinarischen Köstlichkeiten auch unvergessliche Begegnungen mit gleich Gesinnten.

Restaurant – Top Secret

„Psssssst, nicht weitersagen. Bitte klingeln beim im Betreff angegebenen Namen, dann durch den ersten und zweiten Hinterhof, in den Hauseingang hinein, 4.Stock links. Wenn ihr unterwegs im Haus jemandem begegnet, dann sagt, ihr seid Gäste von Sebastian. Euch erwartet ein interessanter Aperitif.“ Wer eine Mail mit solchem oder ähnlichem Inhalt im Posteingang findet, der darf sich die Hände reiben und schon mal die Serviette im Schoß falten – jedenfalls in Gedanken. Denn das Guerilla-Restaurant ruft zu einem neuen Abend voller neuer, interessanter Begegnungen mit Zeitgenossen aus aller Herren Länder und natürlich kulinarischen Genüssen. Warum diese Geheimniskrämerei? Einerseits gibt es keine bessere Marketing-Strategie für ein solches Ereignis. Andererseits ist die Verschwiegenheit ein Schutz vor den Hütern des Gesetzes, denn die in Privatwohnungen stattfindenden Fressorgien sind nicht ganz legal – sie umgehen die regelmäßigen Kontrollen durch das Hygieneamt und finden ohne Lizenz statt.

Patchwork in jeder Beziehung

Man nehme eine Berliner Wohnung von durchschnittlicher Größe und präpariere das größte Zimmer mit Tischen und Stühlen, so dass eine restaurantähnliche Atmosphäre entsteht. Zusammengewürfelte Teller und Besteck verschiedener Kollektionen erhöhen den Wohlfühl-Faktor. Ein Großteil der Planung sollte zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen sein: Die Speisekarte steht, wurde bereits an alle geladenen Gäste verschickt. Mit Spaghetti Bolognese kommt man als Guerilla-Koch nicht weit, denn die Gäste in einem Guerilla-Restaurant wollen es wissen: Unter drei Gängen kann man hier keinen der Teilnehmer, die per Mailverteiler, Mundpropaganda, speziellen Blogs oder auch auf Facebook über die regelmäßig stattfindenden Events informiert sein wollen, abspeisen.

Reden mit vollem Mund

Die Guerrilla-Restaurant-Besucher sind jung, hip und wollen vor allem eins: Reden. Mit Fremden ins Gespräch kommen, sich austauschen über erlebte Reisen, Essen, das Leben. Dabei kommen sie so intensiv ins Gespräch, wie es in einem normalen Restaurant nie möglich gewesen wäre. Und verspeisen nebenbei Köstlichkeiten zu einem erschwinglichen Preis. Ein Blick auf die Speisekarte verrät, dass ein Gourmet hier ganz auf seine Kosten kommt: Begrüßungscocktail, Salat aus Radicchio und Pfirsich mit Schinken und Edelschimmelkäse in Haselnussvinaigrette, Jasminreismousse mit Lachscarpaccio, Birnen-Grieß-Kuchen mit Salzkaramell.

Die Hinterhof-Restaurants sind keine Berliner Erfindung, obwohl die illegalen Fressorgien in justizlückenhaften Hauptstadt kurz nach der Wende gang und gäbe waren. Die Idee erinnert an die sogenannten Paladares in Kuba, kleinen Privatrestaurants, die nicht vom Staat geführt werden. Mittlerweile gibt es die kulinarischen Orgien in allen großen Metropolen wie London, New York, Paris.

Running for Dinner

Nicht ganz so gesetzesbrecherisch und doch nicht weniger aufregend sind Running Dinner. Das Konzept dabei ist ähnlich: Man meldet sich als Team von zwei bis drei Kochwütigen oder als Einzelperson an und zahlt eine Teilnehmergebühr. Ist man allein, bekommt man einen oder zwei Kochpartner zugeteilt. Jedem Team wird ein Gang zugewiesen: Vorspeise, Hauptgericht oder Dessert. Seinen eigenen Gang kocht das Team zu Hause, wobei zwei andere Teams zu Gast sind. Für die anderen zwei Gänge des Running Menüs ist jedes Team bei zwei unterschiedlichen anderen Teams zu Gast. Auf diesem Weg treffen sich je nach Teamgröße sechs bis neun Gourmets, die sich bei leckerem Essen in entspannter Atmosphäre kennenlernen können. Der ständige Ortswechsel, verpasste U-Bahnen und ein Potpourri verschiedenster Menschen mit ziemlich großem Hunger sind an Running-Dinner-Abenden ein Muss. Und damit der Abend unvergesslich wird, gibt es im Anschluss für alle Teilnehmer eine After-Show-Party, auf der Essen dann zum ersten Mal an diesem Abend keine Hauptrolle mehr spielt.

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