Absinth – die grüne Fee

Kaum ein alkoholisches Getränk ist so sagenumwoben wie der Absinth. Zahlreiche Mythen und Legenden ranken sich rund um das giftgrüne Gebräu, das als Getränk von Künstlern und Literaten gilt – weltberühmt ist die angeblich Absinth-induzierte Selbstverstümmelung Vincent van Goghs. Doch neueren Untersuchungen zufolge sind die rauschähnlichen Zustände damaliger Zeitgenossen nach dem Absinthgenuss weniger auf den Gehalt am sogenannten Thujon, sondern auf minderwertigen Alkohol zurückzuführen. Dem Revival der giftgrünen Spirituose stand seit dem Ende der 90er Jahre dennoch nichts im Weg.

Karriereleiter Schweizer Heilgebräu

Absinth besteht vor allem aus Wermut, Fenchel, Anis und je nach Rezept aus vielen unterschiedlichen Gewürzen. Die meisten im Handel erhältlichen Absinthe sind grün, was bei hochwertigen Fabrikaten durch verschiedene Kräuter wie Wermut, Minze, Melisse, Ysop u.a. hervorgerufen wird – deshalb nennt man das Gebräu übrigens auch „grüne Fee“. Eigentlich fing alles mal ganz harmlos an: Im 18. Jahrhundert wurde Absinth im Val de Travers, dem heutigen Schweizer Kanton Neuenburg, hergestellt. Erst in der 2. Hälfte des 19. und im 20. Jahrhundert wurde das zeremonielle Trinken von Absinth zunehmend populär – und damit begann die Mythenbildung.

Im grünen Rausch?

Schnell geriet Absinth in den Verdacht, aufgrund seines Gehalts an Thujon, einem Bestandteil des ätherischen Öls des Wermuts, abhängig zu machen und schwere gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Bereits 1915 wurde Absinth daraufhin in mehreren europäischen Staaten sowie den USA verboten. Zu den beobachteten Auswirkungen des Absinth-Konsums zählten damals Schwindel, Halluzinationen und Wahnvorstellungen, Krämpfe, Erblindung, Depressionen und ein geistiger und körperlicher Verfall.

Untersuchungen in neuerer Zeit kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass der Thujon-Gehalt von Absinth auch nach damaliger Rezeptur für eine solche toxische Wirkung nicht ausreicht – viel wahrscheinlicher ist der hohe Alkoholgehalt von bis zu 78% Vol. und die mindere Qualität des enthaltenen Alkohols. So enthielt der damalige Absinth neben Amylalkohol und anderen Fuselölbestandteilen auch Methanol, das Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und als Spätfolge Erblindung hervorruft und in größeren Mengen zum Tod führen kann. Auch wurde die intensive Farbe damals durch gesundheitlich bedenkliche Zusatzstoffe wie Anilingrün, Kupfersulfat oder Kupferacetat zugesetzt. Antimontrichlorid sollte den Louche-Effekt, die milchige Trübung bei Verdünnung mit Wasser oder bei starker Kühlung, künstlich hervorrufen.

„Heure Verte“

Bereits um 1860 sprach man von der „heure verte“, der grünen Stunde zwischen 17 und 19 Uhr am späten Nachmittag, in der das Absinth Trinken in französischen Metropolen im Laufe der Zeit ritualähnlichen Charakter annahm. So wurde ein mit mehreren Öffnungen versehener Absinthlöffel auf das Glas mit Absinth gelegt und auf diesem ein Stück Zucker platziert. Anschließend wird ein an einem Wasserbehälter befindlicher Hahn so aufgedreht, dass das Wasser mit einer Geschwindigkeit von einem Tropfen pro Sekunde in den Absinth floss. Das Gemisch aus Wasser und Zucker hinterließ im Absinth eine milchige Spur, bis das Getränk schließlich milchig war und das Mischverhältnis stimmte. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Absinth sich als Getränk der Bohème etabliert und auch viele Frauen tranken die giftgrüne Spirituose, was damals noch gänzlich untypisch war.

Legale Mode mit Retro-Equipment

Ganz offenbar hat das Verbot des Getränks im Laufe der Jahrzehnte stark zur Mythenbildung beigetragen. Heute ist Absinth in den meisten europäischen Staaten wieder erhältlich, doch viele der im Handel erhältlichen Fabrikate sind Billigfabrikate, bei denen Absinthessenz in hochprozentigen Alkohol gegeben wird. Erst ab der gehobenen Mittelklasse kommen klassische Herstellungsverfahren zum Einsatz. Auch heute noch genießt man Absinth weltweit – zu Hause, in der Kneipe oder in speziellen Absinthbars, die viele Sorten im Angebot haben. Zwar ist keine Trachtenmode nötig, um das Gefühl traditionellen Genusses aufkommen zu lassen, doch das französische Trinkritual, bei dem Zucker mit Wasser getränkt wird, ist noch heute bekannt und gebräuchlich. Gerade in Deutschland wird man daneben vor allem die sogenannte tschechische Trinkweise verwendet: Hierbei wird der mit Absinth getränkte Zuckerwürfel auf den Absinthlöffel gelegt und anschließend angezündet. Wenn der Zucker karamellisiert und Flamen wirft, wird das Feuer ausgeblasen und der flüssige Zucker in den Absinth gegeben. Probiert es doch mal aus: Wir wünschen Euch einen geistreichen Genuss ohne Selbstverstümmelungsversuche….

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Leserbriefe

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare oder Backlinks.

RSS-Feed zu diesem Beitrag